Im Rahmen einer Lesung im Polnischen Institut Berlin-Filiale Leipzig am 17. März erzählten eingeladene Gäste über ihre persönliche Beziehung zu Milosz' Leben und Werk, verrieten ihre
Lieblingsbücher und beantworteten die Frage ob und wieso Miłosz für das heutige Europa wichtig ist. Auch die deutsche Übersetzung des Titels des Werkes "West und Östliches Gelände" (poln.
Rodzinna Europa, eng. Native Realm) war ein Thema des Gesprächs.
"Miłosz will kein Miłosz sein, um Miłosz zu sein, damit er kein Miłosz ist, weil er Miłosz sein will." Gombrowicz, zitiert nach Artur Becker.
Letters to Miłosz in Leipzig | Polnisches Institut | im Rahmen der Leipziger Buchmesse
Ein Gespräch mit Artur Becker, Ostap Slyvynsky und Igor Stokfiszewski. Moderation: Jörg Magenau. Dolmetscher: Bernd Karwen (Polnisches Institut Berlin-Filiale Leipzig).
Format: mp3
Länge: 22:21
"Belarus hat das Imperium einmal vollständig durchquert und ist dann wieder aufgetaucht.
Und nun mussten die Männer von den Märkten, die endlich in einer ganzen Welt angekommen waren, wie alle sein. Sie mussten sich Gedanken über ihre Identität machen. Nach Masken suchen. Ihre
Tradition erfinden und rekonstruieren. Sowohl das Innere reflektieren und in Frage stellen, als auch das Äußere.
Belarus wurde zum Projekt und zur Utopie. Vielleicht auch zur reinen Metaphysik."
Ihar Babkou
"Ich habe mich schon oft gefragt, warum „Rodzinna Europa“ in der deutschen Übersetzung nicht „Mein heimatliches Europa“ heißt, sondern „West und Östliches Gelände“."
Artur Becker
"Noch immer ist Europa ein >>work in progres<<, das bleibt sein definierender Charakterzug. Die Feier des Abendmahls, Barockarchitektur und Kaffee mit Schlagobers sind historisch ein Wegweiser zur Demokratie, aber Ramadan, Minarette und türkischer Kaffee nicht die Ein-bahnstraße zur Diktatur. >>Muslimischer Europäer<< zu sein kann nicht mehr als Widerspruch in sich gelten."
Peter Haffner
"Der Osten schärft die Sinne wie ein Gewitter. Der Westen dagegen schleift alle Ecken ab, wie ein mahlströmendes Meer. Bei einem Tässchen Kaffee, den Blick auf die Straße einer westlichen Großstadt gerichtet, lässt sich der Kapitalismus hervorragend kritisieren. In einem nach Schweiß riechenden Zug, der Richtung Wladiwostok rumpelt, sehnt man sich vergebens nach der Feinheit des Westens."
Petra Hůlová
"Adam blickte ein wenig müde in jene morgendliche Seedämmerung und sagte: Weißt du überhaupt, Drago, wofür wir uns beide eigentlich einsetzen? Mir schien, als wüsste ich es, ich sah ihn
verwundert an.
Für etwas so Langweiliges wie die Niederlande, sagte er. Würdest du gerne in so einer Langeweile leben?"
Drago Jančar
"Bei der Beerdigung waren vielleicht zwanzig Leute, beim Leichenschmaus saß links neben mir eine Frau aus einer baltischen Emigrantenfamilie, aus derselben Nachkriegsemigrationswelle wie du, daneben ihr Mann, ein orthodoxer Geistlicher aus Polesien, dann eine Belarussin, die Frau des Verstorbenen, ihre Tochter, die die Sprache des Vaters nicht spricht, ihr chilenischer Mann, dessen Eltern vor Pinochet nach Europa geflohen sind, am Tisch saßen Juden, die zur Breschnew-Zeit aus der UdSSR ausgewandert sind, auch ein Armenier, ein Ukrainer, ein Tatare – praktizierter Multikulturalismus [...]"
Aljaksandr Lukaschuk
>>Eines Abends nahm mich die Tochter der Dame, bei der ich untergebracht war, ins Theater zu einer französischen Aufführung mit, die für meinen Geschmack ein bisschen reißerisch, ihr aber eine willkommene Abwechslung war. In einem Moment großer Aufregung auf der Bühne (Musik, leicht angezogene Mädchen, Schreie), wird die Aufführung unterbrochen, der Theaterdirektor tritt auf das Proszenium, bittet um Stille und verkündet: „Wir haben soeben erfahren, dass der Nobelpreis für Literatur an den polnischen Dichter Czesław Miłosz vergeben wurde.“ Die kollektive Gemütsbewegung — Freude, Applaus, Hurra-Rufe — an der ich nun teilhatte, feierte nicht nur einen Sieg, den Sieg des so oft unterjochten Polen, das gerade im Begriff war, wieder aufzuleben, den Sieg des freien, nicht verführten Denkens.<<
Pierre Pachet
"Es ist unglaublich wichtig, dass Sie, den die Polen für einen der ihren halten, zugleich auch Litauer sind. In den kleinlichen Zänkereien zwischen unseren beiden Völkern, deren Ende nicht abzusehen ist in naher Zukunft, ist Ihre Person eine Achse der Verständigung. Es bereitet uns Litauern Genugtuung, dass Sie als einer der herausragenden Polen des zwanzigsten Jahrhunderts, die litauische Sprache beherrscht und unsere Kultur gekannt haben, dass Sie häufig in ihren Essays ihre Archaik angesprochen und akzentuiert und die Macht von Stereotypen – wie dem von der Zurückgebliebenheit der Litauer – gebrochen haben. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie als Litauer ein so bedeutender Pole sind."
Donatas Petrošius
"Es ist das Aufbegehren des >>ganzen Menschen<< (...) der immer komplexer ist als eine ideologische Doktrin und widersprüchlicher als jegliche erklärte politische Position. Zum >>ganzen Menschen<< gehören auch Sätze, die wir im Traum sagen, und das, was uns schneller atmen lässt, wenn wir bestimmte Namen oder Themen hören. Der >>ganze Mensch<< ist jeder doktrinären Weltanschauung und jedem System ein Dorn im Auge, denn er lässt sich nicht klassifizieren, passt in keine Schublade und stellt alle kategorischen Behauptungen in Frage. Er widersetzt sich jeglicher Reduktion [...]"
Ostap Slyvynsky
"Je länger ich mich auf den Seiten der autobiografischen Essays von Czesław Miłosz bewege, je tiefer ich in die heterogene (an manchen Stellen weiche, an manchen Stellen wie Schleifpapier raue) Struktur des West und Östlichen Geländes versinke (mal mühevoll stecken bleibend, mal besinnungslos eintauchend), desto rascher dreht sich vor meinen Augen ein Kaleidoskop von Bildern und Gedanken, ein Karussell von Impulsen und Eindrücken und desto schneller kreisen die Bewertungsplaneten auf den Umlaufbahnen der kritischen Aufmerksamkeit, angezogen von der Schwerkraft dieses glühenden Stoffs."
Igor Stokfiszewski